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Edith Legnini's Abenteuer

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Meine erste Veloreise zur Schwiegermama in Mittelitalien

Während über vierzig Jahren bin ich mit meinem Mann – und lange auch mit unseren Töchtern – zu den Schwiegereltern in die italienischen Abruzzen gefahren. Schon immer grauste mir vor diesen knapp 900 Kilometern Autofahrt nach Mittelitalien, wo wir mindestens einmal im Jahr unsere Ferien verbrachten oder Oliven pflückten. Und je älter ich wurde, desto mehr Mühe hatte ich damit. Umso verlockender erschien mir irgendwann die Vorstellung, diese lange Strecke per Velo, mit eigener Muskelkraft und ganz alleine hinter mich zu bringen. Im Mai vor drei Jahren setzte ich meinen Wunsch in die Tat um – und erlebte unterwegs so viel Schönes und Besonderes, dass mich das Reisen auf einem vollbepackten Drahtesel ganz und gar packte. Diese abenteuerliche Reise nach Italien war also der Auftakt zu weiteren Veloreisen, die mich nach Norddeutschland, in die ehemalige DDR und danach wieder nach Norditalien führten, und die ich immer alleine in Angriff genommen habe.

Abgesehen davon, dass ich auf allen diesen Reisen einen gewissen Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit verwirklichen konnte und viele wunderbare neue Orte kennenlernte, waren es immer die Begegnungen mit den Leuten unterwegs, die mich begeisterten. Sie liessen mich all die Anstrengungen vergessen, die ich auf mich nahm, den Gegenwind und den Regen, mit dem ich unterwegs immer wieder zu kämpfen hatte, aber auch die Schmerzen und wunden Stellen am Körper, die ich spätabends mit allerhand Salben zu kurieren pflegte. Immer wieder geht mir auf meinen Veloreisen durch den Kopf, wie viel Sinn es doch macht, dass im Wort Leidenschaft auch das Wort Leiden enthalten ist. Schmerzen und Widrigkeiten auszuhalten und anzunehmen, ist ein wichtiger Aspekt dieser Lebensschule, wie ich meine Veloreisen gerne auch bezeichne. Und wie gesagt werde ich durch die spannenden, herzlichen und zuweilen lustigen Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen für alle Strapazen mehrfach entschädigt.

Zum Beispiel bleibt mir für immer in Erinnerung, wie ich am dritten Abend meiner Reise in die Abruzzen in Carpaneto südöstlich von Piacenza strandete und überall vor verschlossenen Türen stand. Nachdem ich mich vor einer Bar bei zwei Damen erfolglos nach einer Übernachtungsmöglichkeit erkundigt hatte, wurde es langsam aber sicher dunkel – es blieb mir schliesslich keine andere Wahl, als beim Pfarrer des Ortes anzuklopfen. Nach langem Zögern und Überlegen vermittelte er mich an eine ältere Frau, die acht Kilometer ausserhalb des Ortes wohnte und mir ein Bett bereitstellen wollte. Bei meiner Ankunft hiess sie mich mit den Worten willkommen, dass es sich für eine Frau meines Alters nicht gehöre, solche Strapazen auf mich zu nehmen und solche Risiken einzugehen. Es brauchte einige Überzeugungskunst von meiner Seite, um diese schon ziemlich grimmige Dame im Rollstuhl vom tieferen Sinn meiner Reise zu überzeugen. Als ich ihr erzählte, dass ich in den Abruzzen meiner Schwiegermutter einen Überraschungsbesuch abstatten wollte, hellte sich ihre Miene allmählich auf. Ihre Pflegeassistentin, eine 33-jährige Rumänin, versorgte mich wenig später liebevoll mit Gemüsesuppe.

Als ich drei Tage später in den Abruzzen die Küstenstrasse mit der Panoramica verwechselte, führte mich diese lange bergauf, belohnte mich dafür mit einer fantastischen Aussicht auf die Adria. Nur kurz hielt ich an, um mich um meinen iPod zu kümmern, und fuhr weiter bergauf, bis ich von einem Lieferwagen mit zwei Strassenarbeitern angehalten wurde. Zu meiner Verwunderung streckten mir die beiden Männer meine Bauchtasche entgegen, die ich unterwegs verloren haben musste – mitsamt allen Dokumenten und allem Geld. Ich wusste kaum, wie ich den beiden danken sollte. Als ich dann am späteren Nachmittag in Pomaro ankam, dem Geburtsort meines Mannes, hatte ich abgesehen von den insgesamt 1080 Kilometern in 6 1/2 Tagen nochmals eine kleinere Bergetappe hinter mir. Nichtsahnend sassen die alten Dorfbewohner mitsamt meiner Schwiegermutter auf der kleinen Piazzetta und beobachteten etwas kritisch die Ankunft der fremden Velofahrerin. Als ich mein Velo abstellte, auf meine Schwiegermutter zuging und sie lachend umarmte, war aber auch diese Überraschung perfekt – und mein Glück vollkommen.

Kommentare (3)

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keinfinne

Leider wird dieser Wettbewerb zur Farce. Wie kommt es, dass dieser Beitrag, der wochenlang bei der gleichen Stimmen-Zahl lag, jetzt plötzlich, wortwörtlich über Nacht, über 1000 (Eintausend) Stimmen mehr hat?

Es ist technisch machbar, es reicht ja schon, wenn 500 Leute mehrfach dafür stimmen. Aber ist alles, was machbar ist, auch anständig?

Da regen sich die einen (zu Recht) über Plagiate bei Doktorarbeiten auf, aber auf der anderen Seite werden solche Wettbewerbs-Manipulationen als “Kavaliersdelikt” betrachtet – nein, nicht mal als solches.

Schade um den von der Idee her schönen Wettbewerb. Schade, dass die Gier nach dem Gewinn grösser ist, als das Gewissen und die Ehrlichkeit.

odermax

Liebe Edith
Leute die solche Ideen haben und diese mit allen Konsequenzen auch umsetzen, sind mir sympathisch. Ich wünsch Dir viele tolle Begegnungen mit interessanten Menschen.
Gruss Max Odermatt

Beat Strickler

Gratuliere, Gruss, CaminoBeat
Siehe http://www.facebook.com/jakobswegperFLYER

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