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Karin Lutz's Abenteuer

Mit dem Fahrrad in die Nationalparks der USA

Mit dem Fahrrad 10 000 km in die Nationalparks der USA

Schon lange hatten wir den Traum gehegt, eine längere Radreise zu unternehmen – einfach mal eine Auszeit nehmen und ohne Zeitdruck reisen zu können. Und nach fast zwei Jahren intensiver Vorbereitung standen wir endlich vor seiner Erfüllung:
Zunächst gab es allerdings so einiges zu erledigen und auch so manche kleinere Hürde zu meistern, was unsere Vorfreude auf unser ganz persönliches “großes Abenteuer” kaum schmälerte – eher noch vergrößerte. Zuerst stellten wir unsere Route anhand von den ACA (Adventure Cycling Association) Radkarten zusammen, die wir uns aus den USA bestellt hatten; die entsprechende Literatur entnahmen wir dem Loneley Planet, den wir auf unserer Reise keinesfalls hätten missen wollten. Als nach etlichen Wochenenden der intensiven Planung und mancher Diskussion die Route endlich stand, stellte sich auch schon das nächste Problem, das auf den ersten Blick gar keins war, sich aber schnell als solches entpuppte: “Was nehmen wir alles mit?” Oder besser: “Was nehmen wir nicht mit?”. Neben den obligatorischen Ausrüstungs-gegenständen wie Fahrrad, Zelt, Isomatten, Campingkocher, wetterfester Kleidung, Fotoausrüstung usw. ging es vor allem um die kleinen Dinge von denen man kaum glaubt, wieviele sich ansammeln: vom Dosenöffner bis zum Feuerzeug kam alles ein ums andere mal auf den Prüfstand. Die Prozedur war dabei immer die gleiche; zunächst alles anhand der unzähligen Checklisten aus Literatur und Internet sammeln und ausbreiten. Dann alles packen, wiegen, wieder auspacken und aussortieren – immer und immer wieder, bis wir mit dem Ergebnis zwar nicht zufrieden waren aber leben konnten. Denn uns war durchaus bewusst, dass jedes Gramm, das man (un)nötig mitschleppt, auf einer solchen an den Kräften zehren wird, doch erschien uns so manches als unverzichtbar, das wir rückschauend wohl nicht noch einmal mitnehmen würden.
Und dann ging es endlich los! Am 23. April 2010 bestiegen wir das Flugzeug Richtung Seattle mit dem erklärten Ziel, binnen eines halben Jahres durch den Westen der USA zu radeln und dabei möglichst viele Nationalparks zu besuchen. In Seattle ange-kommen blieben wir drei Tage um den Jetlag zu bewältigen, die Stadt zu besichtigen aber auch um die letzten Ausrüstungsgegenstände zu besorgen. Nun endlich konnte unsere große Radreise beginnen!
Zunächst ging es durch den Olympic Nationalpark, in dem sich Farne und Moose im satten Grün präsentierten, weiter auf den Highway 101 entlang der Pazifikküste. Die ersten drei Wochen fuhren wir täglich durch strömenden Regen, und wir fragten uns schon, ob wir die richtige Jahreszeit für unsere Unternehmung gewählt hatten. Kurz vor San Francisco, Ende Mai, hatten wir sogar noch einmal Frost. Entlang einer phantastischen Strecke kamen wir nach Los Angeles, und San Diego war nur noch ein paar Tage entfernt; nach 3 300 km auf den Drahteseln erreichten wir schließlich die mexikanischen Grenze als südlichsten Punkt unserer Reise von wo wir uns fortan Richtung Osten bewegten. Highlights wie der Yosemite N:P., wo wir nachts unseren ersten Bären trafen, die Redwoods mit der Avenue of the Giants oder auch der Küstenabschnitt Big Sur waren einfach faszinierend und ein einmaliges Erlebnis auf dem Weg entlang der Westküste von Nord nach Süd.
Von Los Angeles an bekamen wir endlich den lange ersehnten Sonnenschein und die Temperaturen begannen stetig zu steigen. In der Wüste von Südostkalifornien und Arizona erreichten die Temperaturen mit 48° C den Klimax der Reise und alleine der Transport der benötigten Wasserrationen per Rad wurde zur Schwerstarbeit für uns. Hier änderten wir unsere Richtung und radelten in den Norden, vorbei an Phoenix, bis wir in der neunten Woche unserer Tour, an Karins 48. Geburtstag, den Grand Canyon N.P., einen der wunder¬baren Höhepunkte unserer Reiseroute, erreichten. Von hier ab reihten sich die Nationalparks wie Perlen auf einer Kette in nördlicher Richtung aneinander: vom Bryce Canyon nach Zion, über die Arches, Mesa Verde ins Death Valley, den Joshua Tree bis zum Monument Valley; alle standen sie auf dem geplanten Programm, jeder auf seine eigene Art besonders und einzigartig, und alle haben wir auch besucht. Mittlerweile im siebten Bundesstaat angekommen, wir waren fast 7°000 km gefahren und etliche Pässe, einige höher als 3.500 m, schon überwunden, hatten wir kurz vor dem Flaggschiff der amerikanischen Nationalparks, dem Yellowstone, unsere erste gefährliche Begegnung mit einer Klapperschlange. Am heißen Straßenrand liegend, fauchte sie heftig und streckte bedrohlich ihren Schwanz klappernd in die Höhe, sodass wir sprichwörtlich in die Pedale traten um Reißaus zu nehmen.
Um den Yellowstone N.P. zu umrunden ließen wir uns eine ganze Woche Zeit; nicht nur, weil er der älteste Nationalpark der Welt und unbedingt sehenswert ist, sondern auch weil nach den vielen Kilometern, der Wüste und den ganzen Eindrücken die wir gewonnen hatten, eine körperliche und geistige Pause mehr als notwendig geworden war! Ganz im Vertrauen: In der Wüste waren wir schon drauf und dran gewesen abzubrechen… Hatten wir uns zu viel zugemutet? Waren unsere Ziele doch zu hoch gesteckt? So mancher Zweifel nagte abends an uns, doch immer gelang es, bis zum nächsten Morgen wieder ausreichend Kraft zu tanken um doch weiter zu machen. Der Lohn für diese Zähigkeit war dann der “Urlaub” im Yellowstone. So war es ein besonderer Nervenkitzel, als ein Bär plötzlich auftauchte und zum greifen nahe vor unseren Fahrrädern stand oder wenn in den frühen Morgenstunden auf dem Weg zum Old Faithful bei Dunkelheit plötzlich eine Herde Bisons mitten auf der Straße stand. Beeindruckt von der Kraft und der Dimension dieser Tiere, die Ende des 19. Jahrhunderts nahezu ausgerottet worden waren, trauten wir uns zunächst nicht an ihnen vorbei zu radeln. Etwas ratlos abwartend nutzten wir dann ein vorbeikommendes Auto als Cowcatcher und fuhren gemeinsam an den mit starrem Blick wie angewurzelt stehenden rieseigen Büffeln vorbei.
Die Landschaft und die Natur waren einfach grandios! Berge, Wiesen – die an die Almen des Voralpenlandes erinnern, herrlich malerische Seen und eine Fauna, die wir so in freier Natur noch nie erlebt hatten, machten die Rocky Mountains zu einem phantastischen Erlebnis, das die hinter uns liegenden Strapazen schnell vergessen ließ. Nachdem wir den Glacier N.P. direkt an der kanadischen Grenze als nördlichsten Punkt unserer geplanten Route erreicht hatten, ging es wieder zurück nach Westen an die Pazifikküste. Vorbei an Missoula, dem amerikanischen “Bikermekka”, über den Lewis und Clark Trail zum Columbia River und weiter nach Seattle, unserem Startpunkt, mit dem sich der Kreis unserer Reise wieder schloss, als wir es Anfang Oktober wieder erreichten. Die letzten Tage vor unserer Heimreise verbrachten wir dann bei Andrews Familie in Seattle, sehr sehr nette Leute, die wir im April kennengelernt hatten und ein leuchtendes Beispiel amerikanischer Gastfreundschaft sind. Eine natürliche Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, der wir auf jeder Etappe unserer Reise – von ein paar yokels im Süden abgesehen – begegneten.
Besonders erwähnenswert, was das Radfahren in den USA betrifft, war die Aktion „Share the Road“ im Bundesstaat Oregon. Hier bekennen sich Autofahrer dazu auf die Radfahrer besonders Rücksicht zu nehmen. Das zeigen sie speziell auf ihrem Autokennzeichen.
In Amerika gibt es zwar nicht viele Radwege, wenn sie aber vorhanden sind, werden diese durch drastische Strafen vor Missbrauch geschützt.
Was wir in diesem halben Jahr erlebt haben macht süchtig; die 10 000 Kilometer im Fahrradsattel waren rückschauend dann doch wieder zu schnell vergangen und so beschlich uns schon im Flieger zurück nach Frankfurt das Gefühl von Wehmut und neuaufkeimendem Fernweh – spätestens als wir in Deutschland gelandet waren, kamen wir uns in der eigentlichen Heimat zunächst uns selber seltsam fremd vor.

Wer mehr über unsere Reise erfahren möchte, kann dies in unserem Booklet, oder auf unserer Homepage: www.ruhiger-treten.de nachlesen.

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