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Urs Hösli's Abenteuer

Von 0 auf 100 (8500 Km durch Westeuropa)

Manchmal fasst man sich ans Herz und macht einen Schritt den man sich nie zugetraut hätte. Einer dieser Schritte, prägte mein Jahr 2009, ein Jahr vor dem 30. Geburtstag. Unsportlich und ungeübt im Tourenfahren oder campen oder im Alleine sein. Einfach aufsteigen und hoffen dass die Ausrüstung und die Physis sowie die Psyche durchhält. Aber wie lange und wozu? Eine Fahrradtour schien mir irgendwie richtig zu sein. Eine Chance ein paar Dinge aufzuschreiben, Musik zu hören die man vernachlässigt hat im Alltag oder ausprobieren ob man überhaupt mehrere Tage alleine sein kann ohne bereits wahnsinnig zu werden. Der Beginn, Thurgau und Bodensee-Region. Ein gutes Starttraining für jemanden der seit mehr als 10 Jahren keinen Sport mehr gemacht hat. Dazu noch 25 Kg Gepäck, die besten Voraussetzungen um bereits in Lindau aufzugeben und zu sagen “ich hab’s probiert, jetzt warte ich hier ein paar Monate damit es nicht zu peinlich wird wenn man schon nach ein paar Tagen wieder zu Hause eintrifft”. Ein paar gute Erfahrungen in Süddeutschland, nette Menschen und interessante Übernachtungen haben dazu beigetragen dieses Vorhaben realistischer erscheinen zu lassen. Trotz eisiger Kälte an der oberen Donau (Frost und gefrorene Taschen am Morgen) ging es weiter, langsam und etwas behäbig. Über Hügel und durch den Schwarzwald. Die Route ein wenig vorausgedacht und dann wieder durch Zufälle über Bord geworfen. Phillip kennen gelernt in Freiburg i.B. und ihn ein paar Tage später in seinem Ferienhaus in der Lorraine besucht. Solche Sachen halt. Als ich über Umwege in Luxemburg eintraf und beinahe 1000 Kilometer zurückgelegt hatte dachte ich bloss noch “wow, das geht ja wirklich”. Nun ist das Terrain natürlich nicht gerade Hardcore und nüchtern betrachtet ist das keine grossartige Leistung aber irgendwie erfüllte mich diese Distanz mit Stolz. Dass es am Ende 8500 Kilometer wurden, das hätte ich nie für möglich gehalten. Aber die Distanzen pro Tag wurden länger. Durch’s schöne Nordluxemburg, die noch recht wilden und hügeligen Ardennen im regnerischen Belgien, das flache Flandern mit dem unglaublich schönen Gent. Es wurde “natürlich” auf’s Fahrrad zu steigen und weiterzufahren. Egal ob die Winde und der horizontale Regen einem an der Nordfranzösischen Küste den Tag vermieste oder der ein oder andere Ort eine Enttäuschung wurde, das Weiterfahren wurde zu einem ganz normalen Gefühl, einem schönen Rausch. Als das erste Mal 140 Tageskilometer auf dem Computer standen (ab Amiens nach Rouen) war das Glücksgefühl so richtig da. Die Fähre nach Südengland brachte natürlich noch mehr Regen als in Belgien/Frankreich in mein Leben. In Südengland war das Wetter noch abwechslungsreich und die Städte zum Teil überwältigend schön und das bergige Wales war auch noch relativ mild (obwohl mit wegen dem dichten Nebel der Snowden-Gipfel verwehrt blieb) doch die Irland Umrundung wurde zur nassen Tortur, trotz nettem Mitfahrer aus Mittelengland. Da kam irgendwann der Moment wo der Frust die Lust überwiegte. Der stetige Wind und während eines Monats kein Tag ohne ausgiebigen Regen, das ging an die Substanz und auch wenn ich diese Inseln schätze, so wünschte ich mir nichts sehnlicher als etwas Sonne und irgendwie von den Inseln wegzukommen. Es ist frustrierend wenn man am Morgen auf das trocknen des Zelts wartet und dann, wenn man zusammenpacken künnte, kommt ein kräftiger Schuss Nass vom Himmel. Wer möchte schon zwei Liter Wasser zusätzlich mittragen und am Abend ein nasses Zelt vorfinden? Die Fahrt von Südschottland nach England ging dann so rasch wie möglich über die Bühne (ausser dem mühsamen Devon mit den steilen Hügeln und den geraden Strassen die auf diese Hügel führen) damit ich endlich noch etwas September Sonne in Spanien geniessen konnte. Die Überfahrt von Plymouth nach Santander und das Gefühl, in einen letzten Teil überzugehen, erfüllte mich mit ein wenig Wehmut aber es fühlte sich auch richtig an. Ein würdiger Abschluss eines wunderbaren Erlebnisses. Das ursprüngliche Ziel, die Tour in Galizien zu beenden warf ich über Bord, in der Hoffnung im Südwesten des Landes etwas mehr Sonne vorzufinden. Doch die grösste sportliche Herausforderung, die Passfahrt durch die Picos de Europa machte mir etwas Angst, doch das Wissen, dass es vielleicht die grösste sportliche Leistung meines Lebens sein wird, spornte auch an. 24 Km aufwärts, stetig, mit etwa 27 Kilo Gepäck, hätte mir jemand dies früher in meinem Leben gesagt, hätte ich geantwortet “ich? nie im Leben”. Aber nach 4 Stunden in der Hitze der spanischen Sonne fuhr ich über die Passhöhe und war überwältigt von dem Gefühl, für mich etwas erreicht zu haben. Die tolle Abfahrt danach und die Fahrt via Léon, Nordportugal, Salamanca und Valencia an die verschandelte Algarve war nur noch Zugabe. Eine trockene, sonnige, und anstrengende Zugabe, aber eine die sich gelohnt hat. Dass die schwierigste Aufgabe noch auf mich wartete, die Heimfahrt mit den ÖV von der Algarve nach Müllheim/TG… wusste ich während den 5 Tagen Ausspannen im teuren Hotel zum Glück noch nicht… eine grossartige Zeit mit vielen Bekanntschaften, manche zwei Wochen lang, manche nur ein paar Minuten, vielen schönen Städten und Landschaften, viel verschiedenem belgischem Bier und grosser Gastfreundschaft war vorbei. Und in bester Erinnerung.

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